Es gibt Fragen zur sexuellen Gesundheit, die queere Frauen haben – und die niemand beantwortet. Nicht weil die Antworten fehlen, sondern weil das Thema oft unsichtbar bleibt. In Arztpraxen nicht, in Aufklärungsmaterialien nicht, im Sexualkundeunterricht erst recht nicht.
Die Folge: Du navigierst Deine sexuelle Gesundheit vielleicht mit einem Informationsstand, der auf heterosexuellen Annahmen basiert. Du googelst nachts. Du redest nicht mit Deiner Ärztin. Du glaubst, das Thema betrifft Dich sowieso nicht.
Es betrifft Dich. Und dieser Artikel stellt die Fragen, die zu lange unbeantwortet geblieben sind.
„Brauche ich wirklich STI-Tests, wenn ich nur mit Frauen schlafe?"
Ja. Eindeutig und ohne Einschränkung.
Die Annahme, dass Sex zwischen Frauen automatisch sicherer oder risikoloser ist, hat eine lange Geschichte – und sie ist medizinisch falsch. HPV, Herpes, Trichomoniasis, Chlamydien, Gonorrhö, Syphilis und HIV können alle zwischen Frauen übertragen werden. Das Risiko variiert je nach Sexualpraktiken, Häufigkeit und Anzahl der Partnerinnen – aber es existiert.
Was dazu kommt: Bakterielle Vaginose, obwohl keine klassische STI, tritt bei Frauen, die Sex mit Frauen haben, nachweislich häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung. Studien zeigen, dass das vaginale Mikrobiom von Partnerinnen sich gegenseitig beeinflusst – ein Phänomen, das in der Medizin lange ignoriert wurde.
Die Faustregel: Wenn Du sexuell aktiv bist, solltest Du Dich testen lassen. Deine sexuelle Orientierung ändert daran nichts.
„Wie genau überträgt sich HPV zwischen Frauen?"
HPV – Humane Papillomviren – ist die häufigste sexuell übertragbare Infektion weltweit. Und sie braucht keinen penetrativen Sex. HPV überträgt sich durch Haut-zu-Haut-Kontakt im Genitalbereich – also durch Cunnilingus, direkten Genitalkontakt und gemeinsam genutzte Sexspielzeuge.
Eine Studie der Charité Berlin und internationale Daten zeigen klar: Frauen, die Sex ausschließlich mit Frauen haben, können HPV übertragen und bekommen. Das Risiko ist nicht null – es ist nur weniger untersucht als bei heterosexuellen Paaren, was nicht dasselbe ist wie „nicht vorhanden".
Was das konkret bedeutet:
- Pap-Abstrich und HPV-Test sind für alle vulvabesitzenden Personen relevant – unabhängig davon, mit wem sie Sex haben
- Dental Dams beim Oralverkehr reduzieren das Übertragungsrisiko
- Die HPV-Impfung schützt vor den häufigsten krebsverursachenden Virustypen – und ist auch für Frauen sinnvoll, die ausschließlich Sex mit Frauen haben
„Was ist mit Herpes – kann ich das von einer Frau bekommen?"
Ja. Herpes simplex Typ 1 (HSV-1, oft oral) und Typ 2 (HSV-2, oft genital) übertragen sich durch Schleimhautkontakt. Beim Oralverkehr kann HSV-1 vom Mund in den Genitalbereich übertragen werden – und umgekehrt. Direkter Genitalkontakt überträgt HSV-2.
Was viele nicht wissen: Die meisten Menschen mit Herpes wissen es nicht. Herpes verläuft oft symptomlos oder mit so milden Beschwerden, dass sie nicht als Herpes erkannt werden. Das Virus kann auch ohne sichtbare Wunden übertragen werden – das nennt sich asymptomatische Ausscheidung.
Ein negativer STI-Test schließt Herpes nicht zuverlässig aus – Standardtests umfassen Herpes oft nicht automatisch. Wenn Du explizit auf Herpes getestet werden möchtest, musst Du danach fragen.
„Schützt ein Dental Dam wirklich – und benutzt das überhaupt jemand?"
Dental Dams schützen. Das ist wissenschaftlich belegt. Sie reduzieren das Übertragungsrisiko von HPV, Herpes und anderen Infektionen beim Oralverkehr signifikant.
Und ja, die ehrliche Antwort: Du bist damit nicht allein. Die meisten Frauen, die Sex mit Frauen haben, benutzen Dental Dams selten oder nie – nicht aus mangelnder Sorgfalt, sondern weil sie kaum erhältlich sind (in deutschen Drogerien fast nicht zu finden, am einfachsten online oder über Apotheken), kaum bekannt sind und in keiner Aufklärungskampagne vorkommen, die sich an queere Frauen richtet.
Alternativen, die tatsächlich funktionieren:
- Ein Kondom längs aufschneiden und auseinanderlegen
- Einen ungepuderten Latexhandschuh aufschneiden
- Spezielle Dental Dams online bestellen – inzwischen in verschiedenen Geschmacksrichtungen und Materialien erhältlich
Die Entscheidung, ob und wann Du Schutzmaßnahmen verwendest, liegt bei Dir. Aber sie sollte auf Information basieren – nicht auf dem Gefühl, dass das Thema für Dich sowieso nicht gilt.
„Was passiert mit STIs über Sexspielzeuge?"
Mehr als die meisten denken. Sexspielzeuge, die vaginal oder anal eingeführt werden, können HPV, Herpes, Trichomoniasis, Chlamydien und andere Erreger von einer Person zur nächsten übertragen – wenn sie geteilt werden, ohne gereinigt oder mit einem Kondom überzogen zu werden.
Was hilft:
- Kondom auf das Spielzeug: Zwischen verschiedenen Personen und zwischen vaginalem und analem Einsatz das Kondom wechseln
- Gründliche Reinigung: Je nach Material mit Wasser und Seife, im Sterilisator oder mit Spielzeug-Desinfektionsmittel – die Herstellerangaben beachten
- Eigene Spielzeuge: Die einfachste Lösung: jede Person hat ihre eigenen
„Bin ich in einer festen Beziehung mit einer Frau noch gefährdet?"
In einer monogamen, langfristigen Beziehung, in der beide Partnerinnen keine anderen Sexualpartner haben und bei Beziehungsbeginn getestet wurden – ist das Risiko für neue STI-Übertragungen gering.
Aber: Viele STIs können lange unbemerkt vorhanden sein, bevor sie sich zeigen oder diagnostiziert werden. Ein gemeinsamer Test zu Beginn einer Beziehung – bevor Barrieremethoden weggelassen werden – ist der klügste Schritt, den Du gemeinsam mit Deiner Partnerin tun kannst. Das ist kein Misstrauensbeweis, sondern gegenseitige Fürsorge.
Und: Bakterielle Vaginose kann auch in monogamen Beziehungen zwischen Frauen auftreten – weil sich die Vaginalflora der Partnerinnen gegenseitig beeinflusst. Das ist kein Zeichen von Untreue, sondern Mikrobiologie.
„Wie oft sollte ich mich testen lassen – und auf was?"
Es gibt keine universelle Empfehlung, die für alle Frauen gilt. Was eine sinnvolle Orientierung bietet:
- Einmal jährlich als Basisscreening – unabhängig davon, wie viele Partnerinnen Du hattest
- Bei neuen Partnerinnen: Vor dem ersten ungeschützten Sex testen – gegenseitig, wenn möglich
- Bei Symptomen: Sofort – nicht abwarten. Ungewöhnlicher Ausfluss, Juckreiz, Schmerzen, Hautveränderungen im Genitalbereich sind Signale, die untersucht werden sollten
- Nach potenziell risikoreichem Sex: Wenn Du Dich unsicher fühlst, ist ein Test der einfachste Weg, Klarheit zu bekommen
Was ein vollständiges STI-Screening für Frauen, die Sex mit Frauen haben, umfassen sollte:
- Chlamydien und Gonorrhö (vaginal, ggf. anal und/oder oral)
- Syphilis (Bluttest)
- HIV (Bluttest)
- HPV (als Teil der gynäkologischen Vorsorge, Pap-Abstrich)
- Herpes (auf Nachfrage, da nicht standardmäßig enthalten)
- Hepatitis B und C (besonders bei mehreren Partnerinnen)
Wichtig: Das Standardscreening bei der Gynäkologin umfasst das meist nicht vollständig. Du musst aktiv danach fragen und erklären, mit wem Du Sex hast – damit der Test auf Deine tatsächliche Situation abgestimmt wird.
Kostenfaktor: Was Du wissen solltest. Viele STI-Tests sind ohne Symptome sogenannte IGeL-Leistungen – individuelle Gesundheitsleistungen, die Du selbst bezahlst. Die Krankenkasse übernimmt STI-Tests in der Regel nur, wenn Du konkrete Beschwerden hast oder ein dokumentiertes Risiko vorliegt. Ein vollständiges Screening kann je nach Umfang zwischen 30 und 100 Euro kosten. Frag in der Praxis vorher nach, was die Untersuchung umfasst und was sie kostet – damit Du nicht überrascht wirst.
„Wie spreche ich das mit meiner Ärztin an?"
Direkt. So direkt wie möglich.
„Ich habe Sex mit Frauen und möchte ein vollständiges STI-Screening." Das ist ein vollständiger Satz, der alle relevanten Informationen enthält. Du musst nichts erklären, rechtfertigen oder abschwächen.
Wenn Deine Gynäkologin daraufhin zögert, unwissend wirkt oder mit Annahmen antwortet, die nicht zu Deiner Realität passen, hast Du das Recht zu sagen: „Ich möchte, dass das Screening meine tatsächliche Situation berücksichtigt." Und Du hast das Recht, die Praxis zu wechseln.
Du erlebst in medizinischen Settings vielleicht häufiger das Gefühl, nicht ernst genommen oder falsch eingeschätzt zu werden. Das ist kein persönliches Versagen – es ist ein bekanntes strukturelles Problem, das in der Forschung als Minority Stress beschrieben wird. Du bist nicht übertrieben oder schwierig, wenn Du auf guter Versorgung bestehst.
„Ich möchte schwanger werden – was bedeutet das für STI-Tests?"
Queere Frauen, die schwanger werden wollen, wählen häufig den Weg der Heiminsemination oder nutzen eine Samenbank. In beiden Fällen ist ein aktueller STI-Status medizinisch relevant – nicht nur für Deine eigene Gesundheit, sondern auch für eine mögliche Schwangerschaft.
Was Du vor einer Insemination wissen solltest:
- Vollständiges STI-Screening vorab: Chlamydien, Gonorrhö, Syphilis, HIV und Hepatitis B und C sollten ausgeschlossen sein – unbehandelte Infektionen können die Fruchtbarkeit beeinflussen oder das Risiko für Komplikationen in der Schwangerschaft erhöhen.
- Gespräch mit der Gynäkologin: Eine Gynäkologin, die Erfahrung mit queeren Familienmodellen hat, kann Dich gezielt beraten – über medizinische Voraussetzungen, Timing und Optionen.
- Samenbanken testen bereits: Spermaproben aus zertifizierten Samenbanken werden routinemäßig auf STIs getestet. Bei Heiminsemination mit einer bekannten Spenderperson sollte ein aktueller Test der Spenderperson ebenfalls Teil der Planung sein.
Dein Kinderwunsch ist genauso medizinisch ernst zu nehmen wie jeder andere – und Du hast das Recht auf eine Begleitung, die das versteht.
„Gilt das alles auch, wenn ich mich nicht als lesbisch oder bisexuell bezeichne?"
Ja. Dieser Artikel richtet sich an alle Frauen und vulvabesitzenden Personen, die Sex mit Frauen oder weiblich gelesenen Personen haben – unabhängig davon, wie sie sich selbst beschreiben oder ob sie sich überhaupt mit einem Label identifizieren.
Sexuelle Gesundheit hängt von Praktiken ab, nicht von Identitäten. Was Du tust, ist medizinisch relevanter als wie Du Dich nennst.
FAQ: STI-Prävention für queere Frauen
Sind STIs bei Frauen, die Sex mit Frauen haben, wirklich ein Thema?
Ja. Die Forschungslage ist dünner als bei heterosexuellen Paaren – was nicht dasselbe ist wie „kein Risiko". HPV, Herpes, BV, Chlamydien und andere Infektionen können übertragen werden. Der größte Risikofaktor ist oft nicht die sexuelle Orientierung, sondern das Fehlen von Information und Schutzmaßnahmen.
Testet mich meine Gynäkologin automatisch auf alles Relevante?
Wahrscheinlich nicht. Standardscreenings sind auf heterosexuelle Risikoprofile ausgerichtet. Du musst aktiv angeben, mit wem Du Sex hast, und gezielt nach einem vollständigen STI-Screening fragen – inklusive Herpes, wenn Du das möchtest.
Kann ich mich zu Hause auf STIs testen?
Für einige Infektionen ja. Es gibt zugelassene Heimtests für HIV, Chlamydien und Gonorrhö. Sie sind eine sinnvolle Ergänzung – aber kein vollständiger Ersatz für die gynäkologische Untersuchung, die auch Pap-Abstrich und HPV-Test umfasst.
Was ist mit der HPV-Impfung – ist die für mich relevant?
Ja. HPV überträgt sich durch Haut-zu-Haut-Kontakt, unabhängig vom Geschlecht der Beteiligten. Die Impfung schützt vor den häufigsten krebsverursachenden Typen und ist für alle vulvabesitzenden Personen empfohlen. Bis 18 Jahren Kassenleistung, bis 26 oft auf Nachfrage möglich, danach als IGeL – sprich Deine Gynäkologin darauf an.
Ich bin in einer monogamen Beziehung. Brauche ich trotzdem Tests?
Zu Beginn der Beziehung: ja – für beide. Danach hängt es von Eurer Situation ab. Wenn Ihr beide keine anderen Sexualpartnerinnen habt und zu Beziehungsbeginn getestet wart, ist das Risiko für neue Infektionen gering. Aber für Bakterielle Vaginose und HPV (bei bestehender Infektion) gilt das nicht uneingeschränkt.
Ist Bakterielle Vaginose ansteckend?
Nicht im klassischen Sinne einer STI – aber das Vaginalflora-Gleichgewicht kann zwischen Partnerinnen beeinflusst werden. Wenn eine Partnerin immer wieder BV bekommt, kann es sinnvoll sein, dass beide gleichzeitig behandelt werden. Sprich das offen mit Deiner Gynäkologin an.
Fazit: Die Fragen stellen – und Antworten einfordern
Die Lücken in der medizinischen Versorgung queerer Frauen sind real. Die Forschung holt auf, aber langsam. Das Gesundheitssystem denkt noch zu oft in heterosexuellen Standardisierungen.
Was Du tun kannst: informiert sein. Fragen stellen. Auf vollständiger Versorgung bestehen. Und wissen, dass Deine Gesundheit genauso viel zählt wie die jeder anderen Person – unabhängig davon, mit wem Du schläfst.
Die Fragen, die niemand stellt, sind oft die wichtigsten. Jetzt kennst Du sie – und die Antworten dazu.
Deine Gesundheit ist es wert, ausgesprochen zu werden.
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Symptomen oder Fragen zu STI-Tests wende Dich bitte an eine Gynäkologin, einen Gynäkologen oder eine STI-Beratungsstelle.
Quellen:
- Marrazzo JM et al. (2010): Prevalence of cervical HPV infection among women who have sex with women. Journal of Infectious Diseases.
- Bailey JV et al. (2004): Sexually transmitted infections in women who have sex with women. Sexually Transmitted Infections.
- Fethers K et al. (2008): Bacterial vaginosis and sexual risk behaviour in WSW. Sexually Transmitted Infections.
- Muzny CA & Schwebke JR (2015): Pathogenesis of bacterial vaginosis in WSW. Journal of Infectious Diseases.
- Robert Koch-Institut (2020): STI-Prävention bei Frauen, die Sex mit Frauen haben.
- Bjørnestad EØ et al. (2020): Minority stress and health among sexual minority women. Social Science & Medicine.
- AWMF S2k-Leitlinie HPV-Impfung (2020)
















