„Du brauchst keine Verhütung, Du schläfst doch nur mit Frauen." Diesen Satz hast Du vielleicht schon gehört – in Arztpraxen, von Freundinnen oder im Netz. Er ist nicht nur falsch, er ist gefährlich. Denn er suggeriert eine Sicherheit, die medizinisch nicht existiert, und führt dazu, dass lesbische und bisexuelle Frauen im Gesundheitssystem oft durch das Raster fallen.
Das Gesundheitssystem denkt in heteronormativen Annahmen: Verhütung bedeutet Schwangerschaftsschutz, Schwangerschaftsschutz bedeutet Penis-Vagina-Sex. Alles andere fällt durch das Raster. Das Ergebnis: Lesbische und bisexuelle Frauen werden in der gynäkologischen Versorgung systematisch unterversorgt – nicht aus böser Absicht, sondern aus mangelnder Sichtbarkeit.
Dieser Artikel ist für Dich, wenn Du als Frau Sex mit Frauen hast – ob Du Dich als lesbisch, bisexuell, queer oder ohne Label identifizierst. Ohne Annahmen darüber, mit wem Du schläfst, wie Dein Körper aussieht oder wie Dein Zyklus verläuft.
Das größte Missverständnis: STIs betreffen Dich auch
Die Medizin ist sich einig: STIs kennen keine sexuelle Orientierung. Und trotzdem werden sie in Aufklärungsmaterialien, in Arztpraxen und in der öffentlichen Gesundheitskommunikation für Frauen, die Sex mit Frauen haben, kaum erwähnt.
Was konkret übertragen werden kann:
- HPV (Humane Papillomviren): HPV ist die häufigste sexuell übertragbare Infektion überhaupt – und überträgt sich durch Haut-zu-Haut-Kontakt, nicht nur durch penetrativen Sex. Frauen, die Sex mit Frauen haben, sind genauso gefährdet. HPV kann Gebärmutterhalskrebs, Vulva- und Analkrebs verursachen. Der Pap-Abstrich und der HPV-Test gelten für alle vulvabesitzenden Personen – unabhängig von der sexuellen Orientierung.
- Herpes (HSV-1 und HSV-2): Überträgt sich durch Schleimhautkontakt. Kann durch Oralverkehr, direkten Genitalkontakt und gemeinsam genutzte Sexspielzeuge übertragen werden.
- Bakterielle Vaginose (BV): Keine klassische STI, aber eng mit sexueller Aktivität verbunden. Studien zeigen, dass Frauen, die Sex mit Frauen haben, ein erhöhtes BV-Risiko haben – wahrscheinlich durch den Austausch von Vaginalflüssigkeit, der das vaginale Mikrobiom beider Partnerinnen beeinflusst. BV ist behandelbar, sollte aber nicht ignoriert werden.
- Trichomoniasis: Kann durch gemeinsamen Genitalkontakt oder gemeinsam genutzte Sexspielzeuge übertragen werden.
- Chlamydien und Gonorrhö: Seltener, aber möglich – besonders über gemeinsam genutzte Sexspielzeuge oder Fingerkontakt mit Schleimhäuten.
- Syphilis und HIV: Das Übertragungsrisiko ist bei Frauen, die ausschließlich Sex mit Frauen haben, gering, aber nicht null – besonders relevant für bisexuelle Frauen mit mehreren Partnern unterschiedlichen Geschlechts.
Was das bedeutet: Regelmäßige STI-Untersuchungen sind für lesbische und bisexuelle Frauen genauso wichtig wie für alle anderen. Der Unterschied: Du musst aktiv danach fragen – weil viele Gynäkologinnen und Gynäkologen diese Fragen nicht routinemäßig stellen.
HPV-Impfung: Schutz, der für alle gilt
Die HPV-Impfung ist eine der wirksamsten Maßnahmen gegen Gebärmutterhalskrebs – und sie ist für lesbische und bisexuelle Frauen genauso relevant wie für alle anderen. Die Impfung wirkt am besten, bevor man mit dem Virus in Kontakt kommt. Sie schützt aber auch dann noch, wenn man noch nicht alle HPV-Typen hatte, die im Impfstoff enthalten sind.
In Deutschland gilt: Bis zum 18. Geburtstag übernimmt die Krankenkasse die Kosten vollständig. Bis 26 Jahre ist die Impfung oft noch als Kassenleistung möglich – es lohnt sich, direkt bei der Krankenkasse nachzufragen. Danach wird sie in der Regel als individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) privat bezahlt, kann aber trotzdem sinnvoll sein. Sprich das Thema bei Deiner nächsten Vorsorge aktiv an.
Schutzmaßnahmen: Was wirklich hilft
Kondome sind nicht das einzige Schutzinstrument – und für viele lesbische und bisexuelle Frauen oft nicht das relevanteste. Was tatsächlich nützt:
- Dental Dams (Lecktücher): Dünne Latexfolie, die beim Oralverkehr (Cunnilingus, Anilingus) als Barriere zwischen Mund und Genitalen oder Analbereich dient. In deutschen Drogerien kaum zu finden – am einfachsten online bestellen (z. B. über Apotheken oder spezialisierte Sexshops). Alternativ kann ein aufgeschnittenes Kondom oder ein unbenutzter Latexhandschuh verwendet werden. Sie bieten nachweislich Schutz vor HPV, Herpes und anderen Infektionen.
- Latexhandschuhe: Beim manuellen Sex schützen Handschuhe vor der Übertragung von Erregern über kleine Hautrisse oder Schnitte. Besonders relevant, wenn Wunden oder Hautirritationen vorhanden sind.
- Eigene Sexspielzeuge oder Reinigung: Sexspielzeuge, die vaginal oder anal eingeführt werden, sollten zwischen zwei Personen entweder gründlich gereinigt, mit einem Kondom überzogen oder nicht geteilt werden.
- STI-Tests vor neuen Partnerschaften: Gegenseitiges Testen vor dem Sex ohne Barrieremethoden ist in jeder Konstellation sinnvoll – und eine der direktesten Möglichkeiten, sich zu schützen.
Verhütung für bisexuelle Frauen: Schwangerschaftsschutz, wenn relevant
Wenn Du als bisexuelle Frau auch Sex mit Menschen mit Penis hast und keine Schwangerschaft möchtest, brauchst Du Verhütung – das ist klar. Was weniger klar ist: Welche Option passt zu Dir, Deinem Körper und Deiner Lebenssituation?
Alle gängigen Verhütungsmethoden stehen Dir offen – von der Pille über die Spirale bis zur Barrieremethode. Ein paar Punkte, die für bisexuelle Frauen besonders relevant sein können:
- Langzeitverhütung ohne tägliche Einnahme: Hormonspiralen, Kupferspiralen oder das Verhütungsimplantat sind für Frauen, deren Sexualpartner wechseln, oft praktischer als die tägliche Pille.
- Kondome als Doppelschutz: Kondome schützen gleichzeitig vor Schwangerschaft und vor STIs. Wenn Dein Partner männlich ist, sind sie die einzige Methode, die beides leistet.
- Notfallverhütung: Die „Pille danach" ist für alle Frauen zugänglich – ohne Rezept in der Apotheke erhältlich. Sie wirkt umso besser, je früher sie eingenommen wird.
Wichtig: Verhütungsberatung sollte Deine gesamte Lebenssituation berücksichtigen – nicht nur den letzten oder häufigsten Sexualpartner. Wenn Du das Gefühl hast, dass Deine Ärztin oder Dein Arzt nur auf heterosexuelle Szenarien eingeht, hast Du das Recht, das anzusprechen oder die Praxis zu wechseln.
Vorsorge und Gynäkologie: Was Du brauchst – und worauf Du Anspruch hast
Lesbische und bisexuelle Frauen nehmen gynäkologische Vorsorge nachweislich seltener in Anspruch als heterosexuelle Frauen. Die Gründe dafür sind strukturell: Aufklärungsbögen mit ausschließlich heterosexuellen Fragen, Annahmen über Verhütungsbedarf, das Gefühl, nicht gemeint zu sein.
Was Du wissen solltest:
- Der Pap-Abstrich gilt für Dich. Gebärmutterhalskrebs-Vorsorge wird in Deutschland ab 20 Jahren empfohlen – für alle Frauen und vulvabesitzenden Personen, unabhängig von der sexuellen Orientierung.
- Der HPV-Test gilt für Dich. Ab 35 Jahren wird in Deutschland der HPV-Test als Teil der Krebsfrüherkennung empfohlen. HPV überträgt sich durch Hautkontakt – auch zwischen Frauen.
- STI-Screening ist nicht automatisch Teil der Routineuntersuchung. Du musst es aktiv ansprechen. Sage Deiner Gynäkologin oder Deinem Gynäkologen klar, mit wem Du Sex hast – damit das Screening auf Deine tatsächliche Situation abgestimmt wird.
- Du musst Deine sexuelle Orientierung nicht offenbaren – aber es hilft. Je mehr Deine Ärztin oder Dein Arzt über Deinen Alltag weiß, desto besser kann sie oder er Dich beraten. In einer guten Praxis wird das ohne Wertung aufgenommen.
Menstruationsgesundheit: Ohne Annahmen
Die Menstruation ist ein biologischer Vorgang – unabhängig davon, wen Du liebst oder mit wem Du schläfst. Trotzdem werden Menstruationsgesundheit und sexuelle Identität in der Versorgung oft vermischt oder gegeneinander ausgespielt.
Ein paar Dinge, die für lesbische und bisexuelle Frauen relevant sein können:
- Verhütung und Zyklusregulation sind verschiedene Dinge. Wenn Du hormonelle Verhütung wegen Regelschmerzen, PMS oder PMDS nutzt – nicht wegen Schwangerschaftsverhütung –, ist das eine vollkommen legitime Entscheidung. Deine Ärztin oder Dein Arzt muss das respektieren.
- Endometriose und PCOS betreffen Dich genauso. Diese Erkrankungen haben nichts mit sexueller Orientierung zu tun. Wenn Du unter starken Regelschmerzen, sehr unregelmäßigen Zyklen oder anderen Beschwerden leidest, verdienst Du eine vollständige Abklärung – unabhängig davon, ob Du verhütest oder nicht.
- Zyklusbasiertes Tracking ist auch für Dich sinnvoll. Wer seinen Zyklus kennt, kann Muster erkennen, Hormonschwankungen besser einordnen und Gespräche mit Ärztinnen gezielter führen – unabhängig von Verhütungsbedarf.
Ein Gespräch, das Du führen kannst
Viele lesbische und bisexuelle Frauen berichten, dass sie sich in gynäkologischen Praxen unsichtbar oder fehl am Platz fühlen. Das ist kein persönliches Problem – es ist ein strukturelles. Forschungen zum sogenannten Minority Stress zeigen, dass queere Menschen aufgrund von wiederholten negativen Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem häufiger Vorsorge meiden. Das ist eine verständliche Reaktion auf reale Erlebnisse – keine Überempfindlichkeit. Wenn Du nachhakst, Fragen stellst oder die Praxis wechselst, bist Du nicht schwierig. Du setzt ein berechtigtes Recht auf gute Versorgung durch.
- Sei direkt. „Ich habe Sex mit Frauen" oder „Ich bin bisexuell" sind Informationen, die für Deine medizinische Versorgung relevant sind. Du schuldest niemandem eine Erklärung – aber Klarheit hilft Dir, bessere Versorgung zu bekommen.
- Stelle konkrete Fragen. „Welche STI-Tests sind für mich relevant?" „Brauche ich den HPV-Test?" „Was sind die Risiken bei Frauen, die Sex mit Frauen haben?" – das sind legitime medizinische Fragen, die Deine Ärztin oder Dein Arzt beantworten können sollte.
- Wechsle die Praxis, wenn nötig. Du hast das Recht auf eine Versorgung, die Dich ernst nimmt und nicht von heterosexuellen Annahmen ausgeht. Wenn Du Dich nicht gehört oder respektiert fühlst, ist das ein valider Grund, woanders hinzugehen.
FAQ: Verhütung und Gesundheit für lesbische und bisexuelle Frauen
Brauchen lesbische Frauen überhaupt Verhütung?
Schwangerschaftsverhütung ist für lesbische Frauen, die ausschließlich Sex mit Frauen haben, nicht notwendig. STI-Schutz und regelmäßige Vorsorge hingegen schon – HPV, Herpes, bakterielle Vaginose und andere Infektionen können auch zwischen Frauen übertragen werden.
Welche STIs kann ich mir beim Sex mit Frauen holen?
HPV, Herpes (HSV-1 und HSV-2), bakterielle Vaginose, Trichomoniasis und in bestimmten Konstellationen auch Chlamydien, Gonorrhö und Syphilis. Das Risiko variiert je nach Sexualpraktiken – Oralverkehr, manueller Sex und gemeinsam genutzte Sexspielzeuge sind relevante Übertragungswege.
Muss ich trotzdem zur Gynäkologin, wenn ich nur mit Frauen schlafe?
Ja. Regelmäßige Vorsorge – Pap-Abstrich, HPV-Test ab 35, Brustkrebsfrüherkennung – gilt für alle Frauen und vulvabesitzenden Personen, unabhängig von der sexuellen Orientierung. Außerdem solltest Du STI-Screening aktiv ansprechen.
Was ist ein Dental Dam und wo bekomme ich ihn?
Ein Dental Dam ist eine dünne Latexfolie, die beim Oralverkehr als Schutzbarriere dient. Er ist in manchen Apotheken und online erhältlich. Alternativ kann ein aufgeschnittenes Kondom oder ein unbenutzte Latexhandschuh verwendet werden.
Ich bin bisexuell und verhüte nicht, weil ich gerade nur Frauen date. Was, wenn sich das ändert?
Verhütung lässt sich anpassen. Langzeitverhütungsmethoden wie die Spirale oder das Implantat sind schnell reversibel. Die Pille danach steht Dir immer als Notfallmaßnahme zur Verfügung. Wenn Du absehst, dass sich Deine Situation ändern könnte, lohnt sich ein proaktives Gespräch mit einer Gynäkologin oder einem Gynäkologen.
Kann ich die Pille nehmen, obwohl ich keine Schwangerschaftsverhütung brauche?
Ja. Hormonelle Verhütungsmittel werden häufig auch zur Linderung von Regelschmerzen, PMS, Endometriose oder PCOS eingesetzt. Die Indikation ist medizinisch – nicht an die sexuelle Orientierung geknüpft.
Fazit: Deine Gesundheit gehört Dir – vollständig
Lesbische und bisexuelle Frauen verdienen eine gynäkologische Versorgung, die sie wirklich sieht. Keine Annahmen, keine Auslassungen, keine Fragen, die nur für heterosexuelle Lebenswirklichkeiten gestellt werden.
Das Gesundheitssystem ist noch nicht da, wo es sein sollte. Aber Du kannst es trotzdem für Dich nutzen – informiert, direkt und mit dem Wissen, worauf Du Anspruch hast.
Verhütung ist ein weites Feld. STI-Schutz auch. Und Dein Zyklus, Deine Hormone und Dein Körper verdienen genauso viel Aufmerksamkeit wie der jeder anderen Frau – unabhängig davon, wen Du liebst.
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Fragen zu Verhütung, STI-Testing oder Vorsorge wende Dich bitte an eine Gynäkologin oder einen Gynäkologen.
Quellen:
- Marrazzo JM et al. (2010): Prevalence of cervical HPV infection among women who have sex with women. Journal of Infectious Diseases.
- Bailey JV et al. (2004): Sexually transmitted infections in women who have sex with women. Sexually Transmitted Infections.
- Fethers K et al. (2008): Bacterial vaginosis and sexual risk behaviour in WSW. Sexually Transmitted Infections.
- Muzny CA & Schwebke JR (2015): Pathogenesis of bacterial vaginosis in WSW. Journal of Infectious Diseases.
- Robert Koch-Institut (2020): STI-Prävention bei Männern, die Sex mit Männern haben, und bei Frauen, die Sex mit Frauen haben.
- AWMF S2k-Leitlinie HPV-Impfung (2020)

















