500 Mal im Leben. Rund 40 Jahre lang. Die Menstruation ist kein Lifestyle-Trend und kein Luxus – sie ist biologische Infrastruktur. Warum behandeln unsere Gesetze sie dann immer noch wie ein Hobby?
Am 28. Mai ist Internationaler Tag der Menstruationshygiene – und Menstruationsgerechtigkeit. Ein Tag, der nicht zum Feiern einlädt, sondern zum Hinschauen. Denn was weltweit und auch in Deutschland rund um das Thema Menstruation passiert – und was nicht passiert – ist eine Frage von Rechten, Gesundheit und politischem Willen.
Was auf dem Spiel steht: Die globale Dimension
Weltweit haben geschätzte 500 Millionen Menschen keinen ausreichenden Zugang zu Menstruationsprodukten und sauberen Sanitäranlagen. Das ist keine abstrakte Zahl. Sie bedeutet konkret: Mädchen, die während ihrer Periode die Schule schwänzen, weil es keine getrennten Toiletten gibt oder weil sie sich keine Binden leisten können. Frauen, die unhygienische Alternativen verwenden, weil ihnen keine anderen bleiben. Menschen, die Menstruationsprodukte gegen Sexualleistungen eintauschen. einPhänomen, das in Teilen Afrikas und Asiens, aber auch in Europa dokumentiert ist.
Menstruationshygiene ist damit keine Komfortfrage. Sie ist eine Frage von Bildungsgerechtigkeit, körperlicher Unversehrtheit und Würde. Wer sie nicht gewährleisten kann, schließt Mädchen und Frauen systematisch aus gesellschaftlicher Teilhabe aus.
Deutschland und die „Luxussteuer": Ein langer Weg mit offenem Ende
In Deutschland galt die Mehrwertsteuer auf Menstruationsprodukte lange als Symbol einer absurden Ungleichbehandlung. Tampons, Binden und Menstruationstassen wurden mit dem vollen Steuersatz von 19 % als Luxusgüter eingestuft. Während der Staat den Luxus von Kaviar und Schnittblumen mit 7 % subventionierte, blieb die biologische Notwendigkeit der Periode jahrzehntelang bei 19 %.
Es brauchte eine gesellschaftliche Debatte, zwei Petitionen mit insgesamt rund 300.000 Unterschriften und medialen Druck, bis der Bundestag handelte: Seit dem 1. Januar 2020 gilt in Deutschland der reduzierte Mehrwertsteuersatz von 7 % für Menstruationsprodukte. Die Reform von 2020 war ein Erfolg, aber die „Slipeinlagen-Hintertür" zeigt: Die Gerechtigkeit hat noch Lücken.
Die Mogelpackung der Industrie: Pink Tax durch die Hintertür
Slipeinlagen waren von der Steuersenkung ausgenommen. Und genau hier griffen Hersteller zu: Fast gleichzeitig mit der Steuersenkung auf Tampons und Binden erhöhten Unternehmen die Preise für Slipeinlagen deutlich. Laut einer Studie des ifo Instituts wurde die politische Entlastungsmaßnahme damit zur Gewinnmaximierung umfunktioniert – „abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit", wie die Forscher selbst festhalten. Frauen, die hauptsächlich Slipeinlagen kaufen, wurden durch die Reform sogar belastet. Das ist Pink Tax in Reinform: eine strukturelle Preisdiskriminierung, die sich hinter einer unvollständigen Gesetzgebung versteckt.
Die logische Konsequenz liegt auf der Hand: Alle Menstruationsprodukte müssen steuerlich vollständig gleichgestellt werden. Solange Slipeinlagen mit 19 % besteuert werden, bleibt die Reform eine Halbwahrheit.
Periodenarmut in Deutschland: Ein Problem, das viele nicht sehen wollen
Periodenarmut klingt wie ein Problem des globalen Südens. Es ist auch ein Problem in Deutschland.
Jährlich geben menstruierende Personen im Schnitt zwischen 550 und 650 Euro allein für Periodenprodukte aus. Das ist für viele ein ganzer Monatsmietanteil oder ein kompletter Wocheneinkauf für eine Familie. Umfragen von Plan International und WASH United haben gezeigt, dass fast ein Viertel der Befragten die Kosten für Periodenprodukte als finanzielle Belastung empfindet. Bei jungen Frauen zwischen 16 und 24 Jahren ist die Zahl noch höher.
Periodenarmut in Deutschland bedeutet nicht, dass Produkte gar nicht existieren. Es bedeutet, dass eine Schülerin sich entscheiden muss, ob sie sich ein Pausenbrot kauft oder eine Packung Binden. Es bedeutet, dass Produkte länger getragen werden, als gesund ist, um zu sparen. Und es bedeutet, dass manche Frauen erst gar nicht zur Schule, zur Arbeit oder in die Öffentlichkeit gehen, weil sie nicht wissen, wie sie die nächsten Stunden überbrücken sollen.
Der Länder-Check: Wer handelt, und wer nicht
- 🟢 Schottland (2022): Erstes Land der Welt, das kostenlose Menstruationsprodukte in allen öffentlichen Einrichtungen gesetzlich verankert hat.
- 🟢 Spanien (2023): Gesetzlicher Anspruch auf bezahlten Menstruationsurlaub bei starken Schmerzen – bis zu drei Tage pro Monat.
- 🟡 Deutschland (2026): Mehrwertsteuer auf Tampons bei 7 % – Slipeinlagen noch immer 19 %. Kostenlose Produkte an Schulen: Pilotprojekte in Hamburg und Ingolstadt. Ein bundesweites Gesetz? Fehlt bis heute.
Wir diskutieren noch, während andere schon handeln.
Das Tabu als strukturelles Problem
Hinter den steuerlichen und infrastrukturellen Defiziten steckt ein tieferes Problem: Menstruation ist gesellschaftlich noch immer ein Tabuthema, und dieses Tabu hat politische Konsequenzen.
Wer nicht offen über Menstruation sprechen kann, kann auch nicht offen über die Kosten sprechen, über den Schmerz, über die Auswirkungen auf Arbeit und Alltag. Frauen, die wegen starker Regelschmerzen regelmäßig nicht arbeitsfähig sind, kämpfen in Deutschland noch immer darum, ernst genommen zu werden. Ein gesetzlicher Anspruch auf bezahlte Fehlzeit wegen Menstruationsbeschwerden – wie er etwa in Japan, Taiwan oder Spanien existiert – ist hierzulande nicht einmal in der politischen Diskussion angekommen.
Das Tabu schützt den Status quo. Und der Status quo benachteiligt systematisch die Menschen, die menstruieren.
Was in Deutschland möglich wäre, und was gefordert wird
Die Forderungen von Organisationen wie Plan International, WASH United und dem Periodensystem sind konkret:
- Kostenlose Menstruationsprodukte an allen Schulen bundesweit, nicht als freiwillige Initiative einzelner Städte, sondern als gesetzlicher Standard.
- Freier Zugang in öffentlichen Einrichtungen – Behörden, Bahnhöfe, öffentliche Toiletten.
- Vollständige steuerliche Gleichstellung aller Menstruationsprodukte – einschließlich Slipeinlagen und wiederverwendbarer Produkte wie Menstruationstassen und Periodenunterwäsche.
- Enttabuisierung in Bildungseinrichtungen – durch strukturierte Aufklärung, die Menstruation als normale biologische Realität behandelt, nicht als Schamthema.
- Anerkennung von Menstruationsbeschwerden – als medizinisch relevantes Symptom, das Arbeitgeber und Bildungseinrichtungen berücksichtigen müssen.
Das sind keine radikalen Forderungen. Das sind Grundlagen einer gesundheitsgerechten Gesellschaft.
Was Du jetzt tun kannst
Politischer Wandel braucht gesellschaftlichen Druck. Und der beginnt im Kleinen, aber er muss konkret sein:
- Sprich offen darüber. Ohne Euphemismen, ohne Flüstern. Jedes Gespräch über Menstruation ohne Scham normalisiert das Thema ein Stück weiter, und macht politisches Schweigen schwerer.
- Der Toiletten-Check: Geh morgen in Deine Firmen- oder Schultoilette. Liegen dort Tampons oder Binden neben dem Toilettenpapier? Wenn nein – schreib eine Mail an die Verwaltung. Menstruationsartikel sind Hygieneartikel, genau wie Seife. Niemand käme auf die Idee, Seife als Luxus einzustufen.
- Folge & teile: Unterstütze Accounts wie @periodensystem, @washunited und @plan_deutschland (alle auf Deutsch und Instagram aktiv). Sichtbarkeit ist der Feind des Tabus, und Reichweite ist politisches Kapital.
- Wähle bewusst. Welche Parteien und Kandidierenden setzen sich für Menstruationsgerechtigkeit ein? Das ist eine legitime Frage an Wahlprogramme, und eine, die bisher zu selten gestellt wird.
- Ruf das beim Namen. Wenn Du siehst, dass Periodenprodukte teurer werden, während Slipeinlagen steuerlich benachteiligt bleiben – sag es laut. Auf Social Media, im Gespräch, in Bewertungen. Öffentlicher Druck hat die Tamponsteuer gesenkt. Dreihunderttausend Unterschriften haben einen Finanzminister zum Handeln gebracht. Derselbe Druck kann den Rest erzwingen.
- Spende gezielt. Plan International, Tamponation und erdbeerwoche versorgen Mädchen und Frauen in Not mit Periodenprodukten – in Deutschland und weltweit. Jeder Beitrag zählt direkt.
FAQ: Menstruationshygiene, Rechte und Fakten
Was ist der Internationale Tag der Menstruationshygiene?
Der Internationale Tag der Menstruationshygiene wird jährlich am 28. Mai begangen. Das Datum ist kein Zufall: Der 28. des fünften Monats steht für einen durchschnittlichen 28-tägigen Zyklus mit einer fünf Tage dauernden Menstruation. Der Tag wurde 2014 von der Organisation WASH United ins Leben gerufen und macht auf die globalen Herausforderungen rund um Menstruationshygiene und Periodenarmut aufmerksam.
Was ist Periodenarmut?
Periodenarmut bezeichnet den Zustand, in dem Menstruationsprodukte aufgrund finanzieller Einschränkungen nicht ausreichend zugänglich sind. Sie betrifft Menschen weltweit – auch in Deutschland, besonders junge Frauen zwischen 16 und 24 Jahren sowie Personen mit geringem oder keinem Einkommen.
Hat Deutschland ein Recht auf kostenlose Menstruationsprodukte?
Nein, nicht bundesweit. Es gibt einzelne Pilotprojekte in Städten wie Hamburg und an einigen Universitäten, aber kein einheitliches Bundesgesetz. Im Gegensatz dazu hat Schottland 2022 als erstes Land der Welt kostenlose Menstruationsprodukte in allen öffentlichen Einrichtungen gesetzlich verankert.
Warum werden Slipeinlagen noch mit 19 % besteuert?
Die Mehrwertsteuersenkung von 2020 galt nur für Produkte, die als ausschließliche Menstruationsprodukte eingestuft wurden. Slipeinlagen fallen laut Gesetzgebung nicht darunter, da sie auch für andere Zwecke verwendet werden. Kritiker sehen das als willkürliche Grenzziehung, und eine ifo-Studie zeigt, dass Hersteller die Preislücke für Preissteigerungen bei Slipeinlagen genutzt haben.
Welche Länder haben die Tamponsteuer abgeschafft?
Irland war das erste EU-Land, das nie eine Steuer auf Menstruationsprodukte eingeführt hatte. Australien schaffte die Steuer 2019 ab. In der EU haben mehrere Länder den Steuersatz deutlich gesenkt: Frankreich auf 5,5 %, Spanien auf 4 %, Deutschland auf 7 %. Einige EU-Länder wie Italien besteuern Menstruationsprodukte noch mit bis zu 22 %.
Gibt es in Deutschland einen Anspruch auf Freistellung wegen Menstruationsbeschwerden?
Nein. In Deutschland gibt es keinen gesetzlichen Anspruch auf bezahlte Fehlzeit wegen Menstruationsbeschwerden – anders als in Japan, Taiwan, Indonesien oder Spanien, wo entsprechende Regelungen existieren. Wer wegen starker Regelschmerzen nicht arbeitsfähig ist, muss sich in Deutschland krankmelden und ein ärztliches Attest vorlegen.
Fazit: Menstruationsgerechtigkeit ist keine Nischenfrage
Der 28. Mai ist kein Tag für schöne Statements und bunte Infografiken. Er ist ein Tag, der unbequeme Fragen stellt: Warum werden biologische Notwendigkeiten besteuert wie Luxus? Warum gibt es in einem der reichsten Länder der Welt keine bundesweite Regelung für kostenlose Periodenprodukte an Schulen? Warum ist Menstruation noch immer ein Tabuthema, das politische Entscheidungen beeinflusst?
Die Antwort auf diese Fragen ist keine medizinische – sie ist eine politische. Und politischer Wandel beginnt damit, dass Menschen aufhören, leise zu sein. Auch Du.
Quellen und weiterführende Links:
- ifo Institut (2024): Preisaufschläge heben Steuersenkung für Damenhygiene auf
- Plan International Deutschland: Another Period is Possible – Kampagne für kostenlose Periodenprodukte an Schulen
- Plan International: Welt-Menstruationstag 2025 – Periodenarmut in Deutschland und weltweit
- erdbeerwoche: Periodenarmut – wer ist betroffen und was kannst Du tun
- Amnesty International: Periodenartikel sind ein Grundrecht
- WASH United: Menstrual Hygiene Day – Hintergründe und Forderungen

















