Etwa 5 % aller Frauen und Menschen mit Zyklus im fruchtbaren Alter sind von PMDS betroffen – das ist eine von zwanzig Personen. Und viele wissen es nicht einmal. PMDS wird häufig als Überempfindlichkeit abgetan, mit Depressionen verwechselt oder schlicht nicht erkannt. Dabei ist es eine eigenständige, biologisch begründete Erkrankung, die das Leben erheblich beeinträchtigen kann.
Was ist PMDS?
PMDS steht für prämenstruelle dysphorische Störung. Der Begriff Dysphorie ist das Gegenteil von Euphorie und bezeichnet Niedergeschlagenheit und innere Gedrücktheit. PMDS ist eine schwere Form des PMS (prämenstruelles Syndrom) – mit dem entscheidenden Unterschied, dass bei PMDS psychische Symptome eindeutig im Vordergrund stehen und deutlich intensiver sind.
Die Beschwerden treten zyklusgebunden auf: Sie beginnen typischerweise in der zweiten Zyklusphase – also nach dem Eisprung – und bessern sich kurz nach Einsetzen der Menstruation. Das macht PMDS von anderen psychischen Erkrankungen wie einer klinischen Depression abgrenzbar.
Wichtig: PMDS ist keine Frage der Willenskraft oder Sensibilität. Es handelt sich um eine organische Erkrankung mit biologischer Ursache.
„Es ist keine Einbildung. PMDS hat eine biologische Ursache – und verdient ernsthafte medizinische Aufmerksamkeit."
PMDS vs. PMS: Wo liegt der Unterschied?
PMS und PMDS sind nicht dasselbe – auch wenn sie sich oberflächlich ähneln. Der entscheidende Unterschied liegt in Intensität, Art der Symptome und dem Ausmaß der Beeinträchtigung:
PMS (Prämenstruelles Syndrom)
- Unangenehme, aber meist bewältigbare Beschwerden
- Häufig körperlich: Bauchkrämpfe, Kopfschmerzen, Wassereinlagerungen
- Betrifft bis zu 80 % aller Frauen in irgendeiner Form
- Beeinträchtigt den Alltag kaum
PMDS (Prämenstruelle dysphorische Störung)
- Stark einschränkende Symptome, oft kaum bewältigbar
- Vor allem psychisch: extreme Stimmungsschwankungen, Aggressivität, Hoffnungslosigkeit
- Betrifft ca. 5 % der Frauen mit Zyklus
- Kann Beruf, Partnerschaft und sozialen Alltag massiv beeinträchtigen
- Kann suizidale Gedanken auslösen – das ist medizinisch ernst zu nehmen
Ursachen von PMDS
Die genauen Zusammenhänge sind noch nicht vollständig erforscht. Was die Wissenschaft jedoch klar zeigt: PMDS ist eine organische Erkrankung – keine psychosomatische Störung und keine Übertreibung.
Es wird angenommen, dass PMDS durch eine genetisch bedingte Überempfindlichkeit des Körpers auf die monatlichen Hormonschwankungen von Östrogen und Progesteron verursacht wird. Diese Hormone haben direkten Einfluss auf den Serotoninspiegel im Gehirn.
Forscher aus Leipzig konnten in einer Studie zeigen, dass es bei Patientinnen mit PMDS in der zweiten Zyklusphase zu einer Fehlregulierung des Serotonin-Transports im Gehirn kommt: Der erhöhte Transport sorgt dafür, dass dort, wo Serotonin gebraucht wird, zu wenig davon verfügbar ist. Das erklärt die typischen Symptome wie Niedergeschlagenheit, Reizbarkeit und Angst.
Dass PMDS gehäuft familiär auftritt, unterstützt die These einer genetischen Veranlagung. Wer weiß, dass Mutter oder Schwester stark unter dem Zyklus leiden, sollte das bei eigenen Beschwerden einordnen können.
Symptome von PMDS
Die Symptome von PMDS sind vielfältig und können von Zyklus zu Zyklus variieren. Entscheidend ist das Muster: Die Beschwerden treten regelmäßig in der Woche vor der Periode auf und bessern sich danach.
Hauptsymptome (psychisch)
- Extreme Stimmungsschwankungen und plötzliche Traurigkeit
- Reizbarkeit, Wut, Aggression – oft für Betroffene selbst unerklärlich
- Tiefe depressive Verstimmungen
- Ängste, Anspannung, innere Unruhe
- In schweren Fällen: suizidale Gedanken
Nebensymptome
- Konzentrationsprobleme und Desinteresse an normalen Aktivitäten
- Müdigkeit und Energieverlust
- Schlafstörungen
- Appetitveränderungen oder Heißhunger
- Gefühl des Kontrollverlusts oder Überwältigtseins
- Körperliche Beschwerden: Brustschmerzen, Blähbauch, Gelenkschmerzen
⚠️ Wichtig: Wenn Du aktuell unter suizidalen Gedanken leidest – auch wenn sie sich zyklusabhängig anfühlen – wende Dich bitte umgehend an eine Fachperson. Die Telefonseelsorge ist kostenlos und rund um die Uhr erreichbar: 0800 111 0 111
Diagnose: Warum PMDS so oft übersehen wird
Eines der größten Probleme bei PMDS ist, dass die Erkrankung lange nicht als eigenständige Diagnose anerkannt war. Noch heute kennen viele Gynäkologinnen und Psychiater das Krankheitsbild nicht gut genug – was dazu führt, dass Betroffene jahrelang falsch behandelt oder gar nicht erst ernst genommen werden.
Erst 2019 hat die WHO PMDS offiziell als eigenständige Erkrankung in die Internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD-11) aufgenommen. Damit wurden erstmals klare Diagnosekriterien festgelegt.
Nach WHO-Kriterien liegt PMDS vor, wenn:
- Mindestens 5 Symptome auftreten (davon mindestens 1 Hauptsymptom)
- Die Symptome in der Mehrzahl der Zyklen auftreten
- Die Beschwerden in der Woche vor der Menstruation beginnen
- Sie sich nach Einsetzen der Blutung bessern
- Sie das tägliche Leben, Beziehungen oder die Arbeit deutlich beeinträchtigen
Das Zyklustagebuch ist dabei das wichtigste Diagnosewerkzeug: Es hilft, das Muster sichtbar zu machen – und unterscheidet PMDS von einer dauerhaften Depression.
WHO-Diagnosekriterien im Überblick
| Hauptsymptome (WHO) | Nebensymptome (WHO) |
|---|---|
| Starke Affektlabilität (Stimmungslabilität) | Konzentrationsstörungen |
| Deutliche Reizbarkeit und/oder Wut | Sinkendes Interesse an üblichen Aktivitäten |
| Deutliche depressive Verstimmung | Leichte Ermüdbarkeit / Energieverlust |
| Deutliche Angst oder Anspannung | Schlafstörungen |
| Appetitveränderung / Heißhunger | |
| Kontrollverlust / Gefühl des Überwältigtseins | |
| Körperliche Symptome (z. B. Brustspannen, Blähbauch) |
Behandlung von PMDS
Die gute Nachricht: PMDS ist behandelbar. Welche Methode am besten passt, hängt von der Schwere der Symptome und den individuellen Umständen ab. Häufig ist eine Kombination aus medizinischer und nicht-medizinischer Behandlung am wirkungsvollsten.
Medikamentöse Optionen
- Hormonelle Verhütung – Manche Frauen profitieren von einer Pille, die den Eisprung unterdrückt. Besonders im Langzeitzyklus (ohne Einnahmepause) zeigen sich bei einigen gute Ergebnisse, da die Hormonschwankungen reduziert werden.
- Andere Hormonpräparate – Progesteron als vaginales Zäpfchen wird gelegentlich eingesetzt; die Datenlage ist noch begrenzt.
- SSRIs (Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) – In schweren Fällen sind Antidepressiva mit SSRI-Wirkmechanismus die effektivste Behandlung. Aktuell wird diskutiert, sie nicht dauerhaft, sondern nur in der zweiten Zyklusphase einzusetzen (sogenannte Intervalltherapie).
Nicht-medikamentöse Ansätze
- Psychotherapie – Insbesondere kognitive Verhaltenstherapie (KVT) hat sich als wirksam erwiesen. Sie hilft, Denkmuster in der vulnerablen Zyklusphase zu erkennen und besser damit umzugehen.
- Mönchspfeffer (Agnus castus) – Das am besten untersuchte pflanzliche Mittel bei PMDS. In Studien hat es sich als wirksam und gut verträglich gezeigt.
- Weitere Ergänzungen – Kalzium (1.000–1.200 mg/Tag), Magnesium, Myo-Inositol, Vitamin B6 und Johanniskraut werden alternativ eingesetzt. Die Studienlage ist begrenzt, aber bei guter Verträglichkeit einen Versuch wert.
- Lebensstil – Regelmäßiger Schlaf, Bewegung und eine ausgewogene Ernährung sind keine Ergänzungstherapie, sondern Grundlage. Koffein, Alkohol und stark verarbeitete Lebensmittel können Symptome verstärken.
Ernährung bei PMDS: Was hilft konkret?
Bestimmte Lebensmittel können die Serotonin-Produktion unterstützen, weil sie die Aminosäure L-Tryptophan enthalten – eine Vorstufe von Serotonin. Zu den serotonin-fördernden Lebensmitteln gehören:
- Dunkle Schokolade (ab 70 % Kakaoanteil)
- Nüsse, besonders Walnüsse und Cashews
- Bananen und Datteln
- Geflügel und Eier
- Hülsenfrüchte
Gleichzeitig sollten in der zweiten Zyklusphase folgende Trigger möglichst reduziert werden: Kaffee, Alkohol, Zucker und stark verarbeitete Lebensmittel – sie können Hormon- und Stimmungsschwankungen verstärken.
Was Du jetzt tun kannst: Schritt für Schritt
PMDS ist behandelbar – aber dafür muss sie erst erkannt werden. Hier sind konkrete erste Schritte:
1. Führe ein Zyklustagebuch
Dokumentiere täglich: Wie fühlst Du Dich? Welche Symptome hast Du? Wie intensiv auf einer Skala von 1–10? Und vor allem: An welchem Zyklustag bist Du? Nach zwei bis drei Monaten wird das Muster sichtbar – und Du hast wertvolles Material für das Gespräch mit Ärztinnen. Apps wie Clue, Flo oder ein einfaches Notizbuch funktionieren gut.
2. Suche aktiv das Fachgespräch
Sprich Deine Gynäkologin direkt auf PMDS an – und bringe Dein Tagebuch mit. Wenn Du das Gefühl hast, nicht ernst genommen zu werden, ist eine zweite Meinung legitim. Bei schweren psychischen Symptomen ist die Zusammenarbeit von Gynäkologie und Psychologie/Neurologie sinnvoll.
Tipp: PMDS ist bei einigen Ärztinnen noch wenig bekannt. Du darfst den Begriff aktiv einbringen und auf die WHO-Klassifikation von 2019 verweisen.
3. Informiere Dein Umfeld
PMDS ist keine Laune. Wenn Dein Umfeld – Partner, Familie, enge Freunde – versteht, was in der zweiten Zyklusphase passiert, kann das enorm entlasten. Manchmal reicht es, den Begriff zu nennen und einen Artikel zu teilen.
4. Vernetze Dich
Du bist nicht allein. Es gibt deutschsprachige Selbsthilfegruppen und Online-Communitys rund um PMDS. Der Austausch mit anderen Betroffenen kann helfen, das eigene Erleben einzuordnen und Behandlungsoptionen kennenzulernen. Eine Anlaufstelle ist pmds-hilfe.de.
PMDS und Verhütung: Was solltest Du wissen?
Hormonelle Verhütung – insbesondere die Pille – kann bei PMDS sowohl helfen als auch die Symptome verstärken. Das hängt von der jeweiligen Zusammensetzung (Gestagen-Typ, Östrogenanteil) ab. Es gibt keine universelle Empfehlung; der Effekt muss individuell beobachtet werden.
Einige Frauen profitieren besonders vom Langzeitzyklus (Pille ohne Einnahmepause), weil die Hormonschwankungen reduziert werden und der PMDS-auslösende Mechanismus damit weniger stark auftritt.
Bei der Wahl der Verhütungsmethode sollte PMDS immer als Faktor einbezogen werden. Sprich das Thema aktiv mit Deiner Gynäkologin an.
Das Wichtigste im Überblick
- PMDS ist eine biologisch begründete, ernst zu nehmende Erkrankung – keine Übertreibung, keine Einbildung.
- Sie betrifft rund 5 % aller Menschen mit Zyklus und wird noch immer viel zu selten diagnostiziert.
- Die Erkrankung ist behandelbar: mit hormoneller Therapie, SSRIs, Psychotherapie, Lebensstiländerungen – oder einer Kombination davon.
- Der erste Schritt: Symptome dokumentieren, das Muster erkennen und aktiv das Gespräch mit Fachpersonen suchen.
- Trage Dein Wissen weiter – denn viele Betroffene leiden still, weil sie noch nicht wissen, dass es einen Namen für das hat, was sie erleben.
Wenn Du aktuell unter suizidalen Gedanken leidest: Bitte wende Dich an die Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 (kostenlos, 24/7). Du musst das nicht alleine tragen.
Medizinisch geprüft von Navina Klöckner, Fachärztin für Gynäkologie & Geburtshilfe.
Quellen: WHO ICD-11 (2019); pmds-hilfe.de; Neurologen und Psychiater im Netz (PMS); MSD Manual für Fachkreise (PMDS); Deutsches Ärzteblatt (2017); Studie Universität Leipzig zu Serotonin-Transport bei PMDS.
















